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Gabriele Schmid:  Die Dauer des Blicks
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IV.2. Ingres: Das Netz des Augenblicks

 

Die Kunst lebt von hochstehenden Gedanken und edlen Leidenschaften. Charakterwärme! Man stirbt nicht vor Wärme, aber man stirbt vor Kälte.

Ingres 128

 

Die Odaliske 129 entstammt der arabischen Welt. Das Gemälde entstand in der Hochzeit des Orientalismus im 19. Jahrhundert, dessen Zentrum in Paris lag. In der westlichen Welt galt die orientalische Kultur - entgegen der eigenen, die zunehmend von der beginnenden Industrialisierung bestimmt wurde - als 'ursprünglich' und nahm eine nostalgische Funktion ein. Die Sinnlichkeit, durch die sich die Kultur des Orients in den Augen des Westens vor der übrigen Welt auszeichnete, wurde insbesondere von den orientalischen Tänzerinnen verkörpert, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts als besondere Attraktionen im Westen z.B. auf Weltausstellungen tanzten.
Ingres hat den Orient nie bereist, er bezog seine Kenntnisse hauptsächlich aus Reisebeschreibungen. Demgemäß kommen bei ihm eher literarische Einflüsse und auch im Westen bekannte orientalische Formensprachen zum Tragen als - wie zum Beispiel bei Delacroix - die selbst gesehene orientalische Atmosphäre. Ingres stellt in der 'Großen Odaliske' weniger die sinnfällige Abbildung der äußeren Erscheinung des Orients dar, als vielmehr den inneren Aufbau der orientalischen Ursubstanz. Der Orientalismus des Bildes liegt nicht in den Attributen wie Turban, Fächer und Pfeife, sondern in der Art des Bildaufbaus: Flächige Farbzonen mit volumenhaften Andeutungen und arabeskenhafte Formen erinnern an im orientalischen Bereich verwurzelte Ornamentik.

Als formale motivische Ausgangspunkte der 'Großen Odaliske' gelten Jaques-Louis Davids 'Mme. Récamier' (Abb. 5) und die antike Gestalt des Hermaphroditen 130 (Abb. 6). Obgleich sie als klassisch bezeichnet werden können, deuten doch vielfache unklassische Einflüsse, die in Ingres' 'Großer Odaliske' zusammentreffen, auf die gewollte Entfernung von jener Wirklichkeit, die von dem mit der Industrialisierung einhergehenden funktionalistischen Zug geprägt ist.
Die gelängten Gliedmaßen und die weniger den anatomischen Gegebenheiten als der Komposition folgende Linienführung, in die der Leib eingefügt ist, deuten auf den gotisierenden Zug der französischen Kunst. Die ausgeprägt geschwungenen Formen der Figur erinnern an die Formsprache indischer Tempelskulpturen. In der indischen Kunst entstanden diese Formen aus den Bewegungen des rituellen Tanzes. Die Verwendung dieser Formensprache deutet auf den Bewegungsimpuls in der Figur.
Die enthaltenen Formen des Ideals, der Ort, an dem die Figur sich befindet und nicht zuletzt das mit dem frontalen Blick gekoppelte Rückenmotiv - der erotische Reiz der in der kokettierenden Abwendung liegt - weisen auf die an den Betrachter gerichtete sinnliche Intention der Darstellung. Aber Ingres hat die Erotik aus dem Bereich des alltäglichen Lebens verbannt und in einem Zwischenreich zwischen idealem und profanem Sein angesiedelt. "Die (Odaliske ist ein Werk) von tiefer Wollust. Aber all dieses erscheint uns nur in einer fast erschreckenden Helle; denn dies ist weder die goldene Atmosphäre, die die Gefilde des Ideals umgibt, noch das sanfte, gemäßigte Licht der irdischen Bereiche." 131

Die geschwungenen Formen und die räumlichen Staffelungen der Kontur 132 bilden ein bewegliches Formgefüge, in dem jeder Schwung gebrochen und von einem anderen fortgeführt wird in eine je neue Richtung. Mit linearen Mitteln erreicht Ingres einen beweglichen Eindruck, der sich von der starren Form des Klassizismus entfernt.
Durch die in ihr verbundenen Ansichten suggeriert die Figur Allansichtigkeit und Bewegung. Grundsätzlich scheidet Dagobert Frey zufolge die Richtungsbestimmtheit die Profilfigur von der Frontalfigur. Die Frontalfigur scheint im Bildraum festgebannt, sie könnte sich nur bewegen, wenn sie aus ihm herausträte. Die Profilfigur dagegen kann sich in der Raumschicht des Bildes verschieben. Sie hat ein Vorne und ein Hinten, das auch als Vorher und Nachher gedeutet werden kann. "Die Profilfigur vermag aber auch eine Doppelbewegung zu zeigen: Dem Vorwärtsschreiten kann ein sich-zurück-Wenden entsprechen, womit sich die Funktion eines Verknüpfens ergibt." 133 Die Verknüpfung der Ansichten ist zugleich eine zeitliche Verknüpfung. Das Zusammenfügen von Frontal- und Profilansicht verknüpft Statik und Bewegung und konstituiert damit die zweifache Zeit der Darstellung, einerseits den frontalen, statischen Augenblick, andererseits die Dauer der unaufhörlichen Bewegung.
Körperhaltung, Staffelung der Kontur und die Unschärfe des Fleisches erzeugen Bewegungen in verschiedene Richtungen: zum einen aus der Bildfläche heraus und zum anderen, innerhalb des angedeutet volumenhaften Bildraums, hin zum Dunkel des Hintergrunds. Über die Beweglichkeit des Fleisches wird der Betrachter in den Bildraum hineingezogen, über die Frontalität vor ihren Blick gelenkt und gehalten.

Direkt trifft der Blick ihrer Augen den Betrachter und geht nicht an ihm vorbei oder durch ihn hindurch. Dies deshalb, weil ihren Augen durch die Malweise eine - vom Fleisch verschiedene - fast greifbare Dinglichkeit verliehen ist. Die Bewegung des Blicks tritt aus der Bildfläche in den Raum zwischen Bild und Betrachter ein. Der Blick ist im Jetzt-Punkt, der nicht dauert, sondern der nur in immer neue Jetzt-Punkte umschlägt. Der harte polierte Glanz der Oberfläche reflektiert und spiegelt die Blickstrahlen des Betrachters, jene, die am beweglichen Fleisch keinen Halt finden. Die Zeit der Begegnung ist der Augenblick, in dem sich die Blicke treffen und er ist - im beweglichen Fleisch beheimatet - die Verbindung zur dauernden Bewegung.
Der Lichteinfall geht von dem Ort aus, den der Betrachter von ihrem frontalen Blick gelenkt einnimmt. Die Blickstrahlen des Betrachters erzeugen das Bild; der Blick der Figur und der des Betrachters erzeugen sich gegenseitig. Dergestalt verbindet der Lichteinfall den Augenblick mit der Dauer, zeitlich determiniertes mit überzeitlichem Sein.

Der Blick korrespondiert mit dem Netz 134 der Details, das sich über das ganze Bild zieht. Die Dinge bilden quasi Fixpunkte, die den Bewegungen entgegenstehen. In diesem System nimmt jedes Accessoire, jedes Detail eine für das Ganze notwendige Funktion ein. Die Konstruktion des Netzes erzeugt eine geschlossene Komposition. Wie die Zeit des Blicks ist die Zeit der Darstellung des Netzes der festgesetzte Jetztpunkt, in dem die objektiv seienden und erkennbaren Dinge sind.
Durch das starre Netz der Dinge wird die Bewegung der Figur gehalten und beinah negiert. Daß die Figur ihre Beweglichkeit behält, zeugt davon, daß nicht die die Bildfläche konstituierenden Systeme allein gültig sind, daß nicht das Dargestellte der Darstellung unterworfen ist.

"Das ist keine Klassik, sondern Romantik", 135 ist Barnett Newmans abschließendes Urteil über Ingres' Liniengefüge. In der 'Großen Odaliske' sind mehrere Systeme der Darstellung enthalten. Die Kontur dient weniger der Übersetzung des gegenständlichen plastischen Bestands in die zweidimensionale Fläche, denn der Flächenaufteilung des Bildes selbst. Ingres "hatte den Gedanken, das Bild wie eine ebene Fläche zu benutzen. Er blickt häufiger auf die Leinwand, als auf das Modell. ... Er beschäftigt sich damit, einzelne Zonen auszufüllen; ... Nirgends gibt es Tiefen-Perspektiven: Die Bilder sind flach, einfach gestaffelt." 136 Schon Baudelaire beschreibt die allgemeine Einschätzung Ingres' dahingehend, daß er "zwar ein großer, jedoch ungeschickter Zeichner sei, der sich nicht auf die Luftperspektive verstehe, und daß seine Malerei so flach sei wie ein chinesisches Mosaik." 137 Cézanne verschärft diese Kritik: "Auch Ingres, potztausend, hat kein Blut. Er zeichnet. Die Primitiven zeichneten. ... das, was man Malerei nennt, entsteht erst bei den Venezianern. ... Oh! Ingres, Raffael und die ganze Gesellschaft, das ist sehr schön. ... Aber es gibt da eine Klippe. ... Ingres [hat] nur die Linie, und das genügt nicht. ... Das ist rein, das ist zart, das ist lieblich, aber das ist platonisch. Das ist ein Bilderbogen, das hat keinen Luftraum. ... Es ist des Systems wegen. Und System ist falsch" 138 .
Ingres' Farbgebung beschreibt, wie Cézanne ganz richtig bemerkt, keinen atmosphärischen Luftraum, sondern dient der Vernetzung der Bildfläche. Die Verzahnung der Raumebenen in der Fläche erreicht Ingres mit der Farbe ebenso wie mit der Linie; die Farbe ist der Linie nicht untergeordnet. "Es gilt ein für allemal ausgemacht, daß Ingres' Malerei grau sei. - So öffne doch deine Augen, du Volk von Einfaltspinseln, und sage, ob du je eine kräftigere, leuchtendere Malerei gesehen hast, und sogar eine größere Sorgfalt in der Abstufung der Töne!" 139 Die Farbabstufungen, die farbigen Abschattungen und Konturen entstammen dem Sinneseindruck und sind mit dem übergreifenden Farbsystem 140 verbunden. Ingres' exakter Ausführung des Systems entspricht sein sehr genauer Blick auf das Gegebene.

Ingres verbindet die volumenhaften und tiefenräumlichen Andeutungen mit der linearen Flächeneinteilung, den flächigen Einsatz der Farbe mit der beweglichen Linie und eine Malweise, mittels der die plastische Greifbarkeit der Dinge hervortritt mit einer, die dem Beweglichen, dem Fleisch, eine dem Veränderlichen gemäße Unschärfe beläßt. All dies geschieht ohne Vehemenz, nicht im Aufeinanderprall der Verschiedenheiten, sondern das Nebeneinander von Unzusammengehörigem erzeugt jene vibrierende Spannung, die das Bild letztlich in einer 'romantischen' Uneindeutigkeit beläßt. Gerade daraus entsteht seine Intensität. "Ingres' Werke, die das Ergebnis einer übermäßigen Aufmerksamkeit sind, erfordern eine gleiche Aufmerksamkeit zu ihrem Verständnis. Kinder des Schmerzes, erzeugen sie Schmerz. Und dies deshalb ... weil seine Methode nicht einheitlich und einfach ist, sondern in der Anwendung mehrerer Methoden nacheinander besteht." 141
Die Uneindeutigkeit der Zugehörigkeit zu idealem oder profanem Sein folgt aus dem Aufeinandertreffen der Systeme im Bild. Mehrfach wie die Systeme der Darstellung ist die Zeitlichkeit: Sie umfaßt den augenblicklichen und absoluten Jetzt-Punkt, die in der Veränderung und der Bewegung liegende Dauer, die sich der transzendenten Überzeitlichkeit von der Seite der unaufhörlichen Bewegung nähert und auf die Zeit des dargestellten Motivs trifft, dem über seinen nostalgischen Gehalt eine verlorene, magische Überzeitlichkeit innewohnt.
Der endliche Körper ist zugleich im Jetzt-Punkt des Augenblicks und in einer Sphäre überzeitlicher Transzendenz, zwischen profaner und heiliger Welt. Die Magie des überzeitlichen Ideals - das nostalgisch ist, da jene Überzeitlichkeit, in der das wahrhaft Seiende ist, der Leere des aufkommenden Nihilismus 142 wich - stellt sich der drohenden Vergänglichkeit und der unerbittlichen Abfolge der Jetztpunkte entgegen. Inmitten des konstruierten Netzes der objektiv seienden Dinge, in das der bewegliche Mensch eingebunden ist, bedarf er des schützenden Ideals, das ihn mit dem überzeitlichen Sein verbindet. Denn jenseits des objektivierenden Bewußtseins und jenseits des vergänglichen Fleisches liegt nicht die Ewigkeit der Kontinuität sondern das leere Nichts, indem die Realität von der Positivität regiert wird, die mit aller Metaphysik auch die Überzeitlichkeit negiert.
Die Dauer der Begegnung zwischen Bild und Betrachter liegt im unaufhörlichen Gegeneinander der verschiedenen Zeitsysteme. Es ist eine gebrochene Dauer, die zwischen den Zeiten springt und die nicht wie bei Giorgione in einer fließenden Bewegung liegt.
Im Gegensatz zu Giorgione, bei dem die profane Welt mit der übergeordneten transzendenten versöhnt wird, hält bei Ingres die transzendente Welt Einzug in die allein existierende profane. Im Treffen der Blicke zwischen Bildfläche und Betrachter liegt die Hoffnung auf das Überwinden des Augenblicks und den möglichen Einblick in die geschwundene Transzendenz. Es ist der Blick des Betrachters (bzw. des Malers, was dasselbe ist), der ihren Blick für die Zeit der Begegnung vor dem Nichts des leeren Raums bewahrt, der dennoch ist. "Den heimtückischen Wandel der Zeiten aufhalten, dahin geht das Bemühen Ingres'. Er will das reiche, profane Element mit dem Zaun höheren Glanzes umgeben. Er will ausbreiten und einfassen. Nicht darüber hinausgehen. Die Schranke nicht überschreiten. Dem Irdischen den Glanz des Göttlichen verleihen." 143


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128 Ingres, zitiert nach: Radius, 1968, S. 14.

129 Die Odaliske (türkisch: Zimmermagd) war eine weiße Sklavin im Sultansharem. Auch im Osten galt helle Haut als Schönheitsideal und war Ausdruck einer gehobenen sozialen Position.

130 Der Hermaphrodit, eine ursprünglich wohl orientalische Zwittergottheit, wurde in der Antike seit dem 4. Jahrhundert v.Chr. mit steigender Betonung des sinnlichen Reizes in der Kunst dargestellt. In der Neuzeit taucht das auf den Hermaphroditen zurückgehende Rückenmotiv vermehrt seit dem späten 17. und 18. Jahrhundert wieder auf.

131 Baudelaire, 1990, Von einigen Zeichnern, S. 65.

132 Siehe Kap. II.2. dieser Arbeit.

133 Frey, 1955, S. 224.

134 Siehe Kap. II.2. dieser Arbeit.

135 Barnett Newman, zitiert nach: Schneider, 1975, S. 110.

136 Barnett Newman, zitiert nach: Schneider, 1975, S. 110.

137 Baudelaire, 1977, Das Musée Classique des Bazar Bonne-Nouvelle, S. 266.

138 Paul Cézanne zitiert nach: Gasquet, 1948, S. 63.
Cézanne ist offenbar der Meinung, daß das von Ingres verwendete System - im Gegensatz zu seinem eigenen, versteht sich - 'unnatürlich' sei und eine ungebührliche Einengung der sinnfälligen Dinge damit einhergehe.

139 Baudelaire, 1977, S. 266.

140 Siehe Kap. II.2. dieser Arbeit.

141 Baudelaire, 1990, S. 65.

142 Nihilismus ist hier gemeint im Sinne Nietzsches: Für die Nihilisten ist aufgrund der 'ewigen Wiederkehr des Gleichen' - an der sie letztlich zerbrechen - das Nichts ewig (Vgl. Historisches Wörterbuch der Philosophie, Basel, 1984, Sp. 851).

143 Radius, 1968, S. 8.


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